Tea Masala und Dalai Lama

Der Bus holpert über die zerschlissene Straße, über mir singt ein kleines Mädchen und neben mir schläft ein junger Inder, die Hitze und der Wüstenstaub dringen durch die kleinen Schiebefenster in den Bus und die Vorhänge flattern im Fahrtwind. Wir befinden uns irgendwo zwischen Jodhpur und Udaipur auf einer staubigen Straße, ich wische mir den Schweiß von der Stirn, draußen ein Hupkonzert, irgendwo bellt ein abgemagerter Straßenhund, ich lehne mich im Sitz zurück und atme eine Mischung aus Räucherstäbchen, Abgasen und frisch zubereiteten Dosa ein…

Einige Tage zuvor betreten wir nach einer anstrengenden Anreise den Flughafenvorplatz von Delhi. Bis auf die Zähne mit Informationen bewaffnet machen wir uns bereit für einen Ansturm dubioser Taxifahrer, die uns auf alle bedenklichen Weisen betrügen wollen. Uns, die Westler, die wandelnden Goldgruben. In der Mail des Hostels hat es geheißen, dass wir nur mit einem Taxi der Firma Meru fahren sollten und der Schalter direkt hinter dem Ausgang liege. Lässig verlassen wir also das Flughafengebäude in der Hoffnung als Einheimische akzeptiert zu werden. Und *trommelwirbel* kein Mensch interessiert sich auch nur eine müde Bohne für uns.

Darauf bedacht, bei Niemandem den Anschein zu erwecken, wir hätten Interesse an einem Taxi, irren wir zwanzig Minuten umher, um schließlich direkt vor dem Ausgang den besagten Schalter zu finden. Der uns zugeteilte Taxifahrer spricht kein Englisch, hat kein Navi und ebenfalls keine Ahnung, wo sich eigentlich das Hostel befindet. In Delhi hat generell kein Rikscha oder Taxifahrer eine Idee, wo unser Hostel ist. Kein Wunder bei einer Stadt mit über dreißig Millionen Einwohnern. Gut, dass ich ein Navi auf dem Handy habe und die Fahrer lotsen kann. Es ist sieben Uhr morgens und wir betreten total abgekämpft mit einem mulmigen Gefühl im Bauch das Auto. Zu diesem Zeitpunkt funktioniert das GPS noch nicht. Mit dem Fahrer einigen wir uns auf irgendeinen Park in der Nähe des Hostels und fahren los. Während der Fahrt versuchen wir vergeblich telefonisch das Hostel zu erreichen, doch entweder sind die zahlreichen Nummern nicht erreichbar oder es meldet sich niemand. Klasse.

Vierzig Minuten schlängelt sich der Fahrer nun schon durch den Morgenverkehr Neu-Delhis als es auf einmal einen lauten Knall gibt. Wir kommen zum Stehen. Er steigt hektisch aus und läuft einmal um das Auto herum. Auffahrunfall. Das hatte uns gerade noch gefehlt, doch Feli freut sich fast, schließlich war sie noch nie bei einem echten Unfall dabei gewesen. Wild gestikulierend steigt er wieder zu uns ins Taxi erklärt mir Etwas in einer Sprache, die ich nicht verstehe und fährt dem Auto, dass uns gerammt hat hinterher. Eine Stunde später, wir folgen immer noch dem Auto, auf dem ein Aufkleber mit der Aufschrift “judge” angebracht ist, schießen mir bereits die wildesten Gedanken durch den Kopf. Was, wenn dies hier ein perfide geplanter Entführungsversuch ist? Aber ich hatte gelesen, es ginge Kriminellen eigentlich nur um unser Geld, zu körperlichen Auseinandersetzungen käme es selten. Doch was, wenn wir der Strohhalm im Nadelhaufen wären, das i-Tüpfelchen auf dem Berg harmloser Überfälle? Der Fahrer steigt aus und verhandelt mit dem Auffahrübeltäter. Nach mehreren Stops und weiteren Verhandlungen erreiche ich schliesslich des Hostels eine Hindi sprechendes Person auf der Nummer des Hostels, die unserem Fahrer womöglich den Weg am Telefon erklären kann. Sie telefonieren, dann endlich fahren wir weiter und dem Gesichtsausdruck des Fahrers zu urteilen nach tatsächlich in Richtung des Hostels. Es gleicht einem Wunder, dass wir nach einer zweistündigen Fahrt müde aber glücklich ankommen. Der Fahrer verlangt für die vielen Umwege fast das doppelte des Fahrtpreises ich zeige ihm den Vogel und wir checken ein ins Jugaad Hostel in Süd-Delhi.

Den bereits voll durchgeplanten Tag verbringe ich dann zunächst einmal im Bett, weil die mittlerweile zweiunddreissigstündige Reise doch an meinem Energievorrat gezehrt hat. Im Aufenthaltsraum sinke ich auf einem Kissen nieder und beobachte den Inder der Rezeption, wie er damit beginnt, auf eine zwanzig Zentimeter neben meinem Kopf befindliche Dartscheibe zu werfen. Nachdem die ersten Pfeile nur um eine Haaresbreite mein linkes Ohrläppchen verschonen, suche ich mir lieber einen anderen Platz und lasse mir von einem anderen Inder bei der Planung der weiteren Reise behilflich sein. Wir sollten auf gar keinen Fall den Bus zum Reisen nehmen, aber alle Backpacker nähmen den Bus erwidere ich, dieser sei aber gefährlich und bräuchte in der Regel viel länger. Am Ende nehmen wir gemeinsam mit Sandra und Daniel aus Österreich den Bus, denn ob der Bus nachts zwei Stunden länger braucht oder nicht ist uns eigentlich egal.

Bevor wir uns auf den Weg nach Jodhpur machen, nutzen Feli und ich noch die Gelegenheit uns ein wenig im Chaos Alt-Delhis zu verlieren. Mit der unfassbar günstigen Metro (20ct pro Person) fahren wir also ins Zentrum einer der chaotischsten Städte Indiens. Sich mit den offline Karten auf den zahlreichen Bazaren Alt-Delhis zu orientieren, entpuppt sich als wahrhaftige Herausforderung. Ich frage mich sowieso, wie man in dieser Stadt a) die Straße überqueren soll und b) unter all dem Unrat und ausgelagerten Verkaufsständen einen Bürgersteig ausfindig machen soll. Ein flehender Blick gen Himmel, doch über mir hängt nur ein dickes Wust aus schwarzen Stromkabeln. Abundzu ein kleiner, blauer Fleck Himmel, ein Lichtblick zwischen all dem Chaos. Nach einer Stunde wird es immer schwerer sich im Wirrwarr der Gassen zurechtzufinden und wir nehmen spontan eine Rikscha zum Main Basar um uns noch mit warmen Kleidern für die anstehende Reise im vollklimatisierten Bus auszustatten. Die Rikschafahrt durch den Mittagsverkehr dauert insgesamt eine Stunde, wir fahren auf Straßenniveau und es ist erstaunlich, wie der Fahrer diesem Stress standhalten kann. Wir erreichen unser Ziel nach vielen kleinen Gassen und breiten Straßen und haben das Gefühl gerade 50.000 Abgas-Zigaretten zu uns genommen zu haben. Auf dem Main Basar finde ich einen wunderschönen Adidas Pullover der Marke Raihu, eine Mütze und eine Powerstation fürs Handy, die im weiteren Verlauf der Woche nicht mal eine Ladung überlebt. Dann kann die Reise ja losgehen.

Die nächtliche Busfahrt gestaltet sich als heimliche Saunatour und ich brauche meine warme Multifunktionskleidung wider Erwarten nicht. Die Straßen werden gesäumt von Müllkippen, notdürftig errichteten Baracken und Luxushotels. An einem dieser Hotels machen wir eine kurze Pause. Der Garten ist gepflegt und erstrahlt in einem unnatürlichen Grün im Vergleich zu all der Steppe rundherum. Und dann Kaninchen. Süße kleine Babykaninchen. Mein Herz macht einen Hüpfer. Überall hoppeln weiße Kaninchen über den Rase, weiter hinten eine Gänsefamilie. Wie friedlich, denke ich, und vergesse dabei fast das wüste Chaos des Tages und die am Straßenrand lebenden Menschen. Bald geht es auf schon weiter und in den frühen Morgenstunden erreichen wir das Stops Hostel in Jodhpur. Zum Frühstück gibt es Omelette und Masala Tea. Ich liebe diesen Tee. Schwarzer Tee, der mit indischen Gewürzen und Milch verfeinert wird. Unglaublich. Wie auch schon das Hostel in Delhi besitzt auch das in Jodhpur eine himmlische Dachterrasse. Wie geschaffen für einen weiteren Masala. Den Tag verbringen wir damit durch die Stadt zu schlendern und die Blue City zu suchen. Die Fassaden der Altstadt strich man in früheren Zeiten Indigoblau an. Angeblich um den jeweiligen Hausbewohnern Kühle zu verschaffen und nervige Insekten zu vertreiben. Jodhpur ist vor allem bekannt für seine blaue Altstadt, das mächtige Fort, dass über der Stadt thront und den Palast des Maharadjas. Jodhpur ist nebenbei das größte Königreich Indien. Doch seit den Fünfziger Jahren besitzt der Herrscher nur noch repräsentative und kulturstiftende Funktionen. Von seiner ehemaligen Macht zeugen jedoch noch die kostbaren Schätze und ehemaligen Herrschaftsräume des Forts, das heute als Museum fungiert.

In den Gassen Jodhpurs besichtigen wir prächtige Tempelanlagen mit tanzenden und singenden Indern, kosten köstliches Streetfood wie das Gulab Jamun, süße Teigbällchen, und kaufen verschiedene Dinge. An einem Gewürzstand klärt uns ein junger Inder über die Gewürzvielfalt Indiens auf, in einem Laden für Kleidung werden uns die herrlichsten Stoffe vorgeführt. Abends verlaufen wir uns auf dem Weg zurück zum Hostel in den zahlreichen Gassen der Stadt und werden von dutzenden Kindern belagert, die alle nur das Ziel haben von meiner Kamera abgelichtet zu werden. Wer ein Smartphone besitzt braucht natürlich auch ein Selfie mit uns. Wir werden an jeder Ecke strahlend gegrüßt, schütteln hunderte Hände und fühlen uns als seien wir der Dalai Lama höchstpersönlich. Man sollte täglich einen dieser “walks of happyness” zu sich nehmen, scherzen wir. So viel Glück und so viel Freude an einem Ort versammelt – kaum zu vergleichen mit einem Spaziergang durch das heimatliche Marienheide.

Im Rooftop Restaurant “Currys” neben dem Hostel essen wir zu Abend und genießen einen fabelhaften Ausblick über die Stadt und auf die vielen geschichtsträchtigen Bauten. Im Restaurant lernen wir Midhun kennen, Der eigentlich aus dem im Süden liegenden Staat Kerala stammt, hier im Norden von vielen Indern aber für einen Ausländer gehalten wird. Das liegt vor allen an den mindestens zwanzig offiziellen Sprachen des Landes und die im Norden doch häufig verbreitete Unkenntnis der Geographie Indiens. Vom Dach beobachten wir mehrere mutmaßliche Hochzeitsparaden, die im Laufe des Abends vor der gegenüberliegenden Moschee stoppen. Begleitet wird das Hochzeitspaar, das bunt verkleidet auf dem Rücken eines weißen Pferdes sitzt, von einer jubelnden und tanzenden Menge junger Inder, die hinter einem mit Diskolichtern und lauter Technomusik bestücktem Auto herläuft. Dazu explodieren in regelmäßigen Abständen bunte Feuerwerkskörper über der Versammlung. Was für ein Getöse…

Die singende Hupe des Reisebusses reist mich aus meinen Gedanken. Draussen reihen sich trockene Büsche aneinander, ein indischer Verkäufer reicht uns Wasser und mit Kartoffeln und Gewürzen überbackene Chilischoten und wir fahren weiter in Richtung unseres nächsten Ziels Udaipur.

3 thoughts on “Tea Masala und Dalai Lama

  1. Wie spannend 😍👍🏼 Ich werde deine Reise verfolgen …

    Viel Spaß und passt auf euch auf!

  2. An diese verrückte Reise werdet Ihr mit Freude zurückdenken!!!
    Tolle Bilder !!! Man kann es sich über den Text sehr gut bildlich vorstellen!!!
    trudis

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *