The Godfather of Dream Heaven

Wir erreichen Udaipur in der Nachmittagshitze mit dem local Bus. Im Lonely Planet haben wir von dem fabelhaft angepriesenen Hotel Dream Heaven gelesen. Wir machen uns spontan auf zum Guesthouse und suchen uns einen Weg durch die labyrinthartig angelegten Treppen und Flure des Hotels bis wir uns schließlich mit unseren Rucksäcken durch den letzten Aufgang zwängen und den Himmel erreichen, den Dream Heaven. Vorher hatte ich mich noch gewundert, wie in hergottsnamen man sein Hotel nur Dream Heaven nennen kann. Doch beim Anblick der weißen Dachterrasse und dem wahnsinnigen Panorama über den Lake Pichola und die Altstadt fällt es mir wie Federn von den Flügeln.

Ein wahres Paradies auf Erden. Ein Dream Heaven. Mehrere Fotos und Panoramaaufnahmen später stehen wir vor einem breit grinsenden Herren mit Schnurrbart, Levi’s Jeans und Cappy. Sorry, we are fully booked, Sir. Ich merke wie mir schwindelig wird, der Boden scheint unter meinen Füßen zu bröckeln, ich schnappe nach Luft. Mein Irrer Blick kreist über die Terrasse und schwenkt immer wieder zwischen dem traumhaften Ausblick und dem breit grinsenden kleinen Herren hin und her. Was würde ich doch alles geben, um nur eine Nacht in diesem Hotel verbringen zu können? So oder so ähnlich muss sich der Sündenfall für Adam und Eva angefühlt haben, die Vertreibung aus dem Paradies. Dann fasse ich mich. In den Augen der Anderen erhasche ich noch einen Rest des selben Wahnsinns. Auf diesen Schock erstmal einen Mangolassi. Den Lassi der Götter. Sorry Sir, the Mango season begins in two weeks. Ich beherrsche mich, nicht verzweifelt aufzuschreien. Ich verstehe die Welt nicht mehr. War unser Karma denn so schlecht? Dabei hatten wir dem kleinen Mädchen in Jodhpur doch extra noch Weintrauben geschenkt. Vor allem verstehe ich nicht, warum die Mangosaison in allen Restaurants scheinbar zu unterschiedlichen Zeitpunkten beginnt. Wir nehmen also nur einen MangoSAFT und machen uns Gedanken um alternative Übernachtungsmöglichkeiten. Während die Mädchen ihren MangoSAFT schlürfen, klappern Daniel und ich diverse Hotels und Hostels in der Nähe ab und informieren uns über Preise und Zimmer. Am Ende haben wir verschiedene Angebote, doch können wir uns immer noch nicht richtig vom Paradies lösen. Ein letzter Versuch. Mit zitternden Knien gehen ich erneut zum schnurrbärtigen Herren, dem Allmächtigen Godfather of Dream Heaven, und frage ihn, ob wir nicht auf der Terrasse übernachten könnten. Er grinst mich breit an. Dann schüttelt er den Kopf. Innerlich juble ich. Es ist nämlich ein indisches Kopfschütteln und es bedeutet JA. Ich möchte ihm huldigen und ihn mit Küssen übersähen. Ich beschränke mich auf ein einfaches danke mit Verbeugung und kehre zu den anderen zurück, um die frohe Botschaft zu überbringen. In Udaipur ist uns eine Terrasse beschert worden. Ich bin so glücklich, wie nur Maria und Josef über ihr Jesuskind gewesen sein können. Nachdem auch die letzten Besucher vertrieben wurden, bettet man uns am Abend schließlich in warme Decken. Wir genießen das beste Zimmer der Stadt unter freiem Sternenhimmel – und wenn mich nicht alles täuscht, dann schien ein ganz besonders heller Stern direkt über uns in dieser Nacht.Am nächsten Morgen müssen wir dann das Paradies leider dennoch verlassen, um ein Zimmer im Guesthouse zu beziehen. Auf dem Weg in die Altstadt frühstücken wir noch irgendwo und genießen einen Mangolassi (hier hat die Saison wohl bereits begonnen). Plan für den Tag: Stadt besichtigen und shoppen. Ich lasse mir die Gelegenheit nicht entgehen und frage bei einem der zahlreichen Juweliere nach einem Angebot für einen Ohrring aus Gold. Wir setzen uns in den kleinen, zur Straße hin geöffneten Raum und beobachten die Goldschmiede bei ihrer Arbeit. Die Walzen, Bunsenbrenner und Werkzeuge sehen genauso aus, wie zu Hause in der Goldschmiedewerkstatt meines Vaters. Nach kurzer Verständigung über Größe und Form des Ohrrings beginnen sie bereits mit der Arbeit.

Bezahlen muss ich am Ende nur den aktuellen Preis des gewogenen Goldes und die geleistete Arbeit. Mit dem Ergebnis sind wir alle zufrieden. Blöd nur, dass ich nicht mehr genug Geld bei mir habe. Der Sohn des Besitzers fährt mich kurzerhand mit seinem Motorrad zum nächsten ATM. Auf dem Weg erzählt er mir, dass er noch zur Schule geht und später einmal Hacker werden will. Ich habe das Gefühl, dass in Indien einfach alle entweder Hacker oder Ingenieur werden wollen. Der erste ATM ist leider außer Betrieb, der zweite akzeptiert keine Kreditkarten, der dritte wirft nur Quittungen aus, der vierte zählt nur kleine Beträge aus, die er dann doch nicht auszahlt und endlich, der fünfte Automat funktioniert. Völlig entnervt fahren wir nach fünfundvierzig Minuten zurück zur Goldschmiede und ich kann endlich meinen neuen Ohrring anprobieren. Perfekt.

So wie die Suche nach einem funktionstüchtigen ATM in Indien schonmal fünfmal so lange dauern kann wie in Deutschland, entpuppt sich auch so manch eine andere scheinbar unkomplizierte Tätigkeit als Odyssee. So wäre ich beinahe an dem Versuch gescheitert, einen Bus über eine Travel Agency zu buchen oder ein Paket mit Stoffen und Kleidern nach Deutschland zu verschicken. Auf dem Weg zum Postamt hoffe ich noch, dass die Paketsendung ohne weitere Probleme vonstatten gehen werde. Postamt Nummer eins verweist uns an ein anderes Postamt im Zentrum von Udaipur. Postamt Nummer zwei erklärt einem italienischen Leidensgenossen, dass wir mit internationalen Sendungen zu Postamt Nummer drei außerhalb der Stadt müssten. Vorher sei es jedoch wichtig das Paket “richtig” verpacken zu lassen. Richtig heißt in diesem Fall, die zu versendenden Artikel von einem Schneider zuerst in einem Paket verstauen zu lassen, welches anschließend in Stoff eingenäht und mit Wachs und Münze versiegelt wird. Das hatte ich zuletzt bei Game of Thrones gesehen. Mit dem fertigen Paket werden wir dann doch nochmal an Postamt zwei verwiesen, wo nun erstaunlicherweise doch internationale Pakete aufgegeben werden können. Abgekämpft verlassen wir nach zwei Stunden das Postamt und können immer noch nicht fassen, dass das Paket nun auf dem Weg nach Deutschland ist. Immerhin haben wir uns die Fahrt zu Postamt Nummer drei gespart. Neben Gewürzen und selbstgebundenen Lederbüchern kaufen wir allerlei Kram und Souvenirs in den Touristenläden. Ein Freund aus Deutschland hatte mir einen Schneider mit fixed prices empfohlen, der mir einen Anzug schneidern könnte. Das habe ich mir natürlich nicht zweimal sagen lassen und befand mich bereits auf dem Weg zum besagten Schneider, als es irgendein anderer Ladenbesitzer irgendwie schaffte uns in seinen Laden zu ziehen. Einmal gefangen im Reich eines Verkäufers gelingt es nur schwerlich wieder zu entkommen ohne Geld auszugeben und Dinge zu kaufen, die man eigentlich gar nicht benötigt. Doch gibt es immer zwei Seiten eines Ladenbesuches, einerseits wird man bedrängt Dinge zu kaufen, andererseits erhält man eine kostenfreie Einführung in die traditionelle Welt der Stoffe, Goldschmiede, Malerei, Gewürze oder der Küche. Wir befinden uns also auf dem Weg zum empfohlenen Schneider, als mich ein junger Mann auf der Straße festhält und nicht mehr gehen lässt. Fast eine Stunde lang kramt er alle möglichen Stoffe aus dem Regal, zeigt uns verschiedene Qualitäten wie Wolle, Seide und Kaschmire – immer verbunden mit der Fühlprobe und anschließendem Ohhhh oder Ahhhh. Irgendwann gelingt es uns den Fesseln des charmanten Verkäufers zu entkommen, nachdem er für die Preise eines maßgeschneiderten Anzuges fast um die Hälfte des ursprünglichen Preises runtergegangen war. Beim verlassen des Ladens kommt der Chef höchstpersönlich, um mir ein Angebot zu machen, dabei hatte ich bereits lange zuvor entschieden, den anderen Schneider aufzusuchen. Im Laden Rajasthan Handicraft gibt es feste Preise und eine kurze, präzise Beratung – kein Feilschen und keine Bedenken. Nachdem der Schneider Maß genommen hat, kann ich den Anzug bereits am nächsten Tag abholen und er sitzt tatsächlich wie angegossen. Für alle die, die dennoch lieber handeln, hier ein kleines How-to:

1. Frage nach dem Preis am besten noch vor dem Anprobieren, damit kein zu großes Interesse gezeigt wird. Der Verkäufer macht für den Schal das unschlagbare Angebot von only 750 RS (ca. 10€).
2. Antwort: Nooooo, that’s way tooo much. Dann gibt man am besten einen Preis an, der unter dem eigenen Preis des guten Gewissens liegt. Das kann zB 400 RS sein, wenn man 500 RS maximum zahlen will.
3. Der Verkäufer wird antworten, dass dies unmöglich gehe. Von da an gibt es dann verschiedene Optionen: a) sich umdrehen, den Laden verlassen und auf Preiseingeständnisse warten, die einem hinterhergerufen werden (meistens gibt es mehrere, je nachdem, ob man beim ersten reagiert). b) dem Verkäufer sagen, dass man den selben Schal eben schon für 400 RS gesehen hat.
4. Der Verkäufer schlägt dann 500 RS vor, man selber sagt 450 RS und der Schal ist gekauft. 

Doch wer jetzt glaubt, wir seien in Udaipur nur des shoppens wegen gewesen, der hat sich geirrt. Natürlich haben wir auch den Jagdish Tempel und den Palastkomplex besichtigt. Am zweiten Tag stoßen wir mitten im touristischen Zentrum Udaipurs auf das kleine Indische Restaurant Neelam. Es lockt mit besonders guten indischen Gerichten zu wirklich fairen Preisen. Inklusive ist auch ein Gespräch nach dem Essen mit der netten Besitzerin und Ihrer Familie. Wir hatten uns bereits zuvor gewundert, warum in indischen Restaurants immer nur Männer am Herd stehen würden, und den Verdacht geäußert, dass Frauen womöglich noch viel besser kochen können. Bei Neelam hat sich dieses Gerücht auf jeden Fall bestätigt. Nach dem Essen begeben wir uns noch auf eine letzte Tour im Udaipur. Wir lassen uns zu einem in der Ferne erahnendem Berg bringen. Auf dem Berg befindet sich der Monsoon Palace, der früher mal als Jagdresidenz fungierte und heute nur noch einigen Affen als Wohnort dient. Vom Palast aus hat man einen überwältigenden Ausblick über Udaipur, lake Pischola und das umliegende Gebirge. Von Udaipur nehmen wir spät Abends den Nachtbus in die Wüstenstadt Jaisalmer. Zum Schluss noch eine Liste mit bisher aufgefangenen Sprichwörtern, die die Inder zu lieben scheinen:

1. Easy peasy lemmon squeezy
2. Go with the flow but never slow

(Weitere Folgen…)

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