Neue Freunde und unvorhersehbare Abenteuer

Unsere Indienreise nähert sich langsam dem Ende zu und wir werden sicherlich noch einige Zeit benötigen unsere ganzen Erfahrungen und Eindrücke zu verarbeiten und einzuordnen. In den letzten Tagen sind uns jedoch noch einige verrückte Dinge passiert, von denen ich hier noch berichten möchte…

Jemand ruft. Ich werde aus dem Schlaf gerissen, gerade war ich noch im Lummerland, jetzt bin ich wieder in Indien. Um genauer zu sein in good old Delhi. Zum zweiten Mal erreichen wir Delhi auf unserer Reise durch Nordindien. Und zum zweiten Mal werden wir mitten ins Chaos geworfen. Der Busfahrer wirft uns einfach irgendwo in Delhi um fünf Uhr morgens aus dem Bus. Keine Lust noch bis zur Endstation weiterzufahren. Da stehen wir nun mit unseren Sachen am Straßenrand und ärgern uns über die Rauswerfmentalität indischer Busfahrer. Ein paar Rikschafahrer sind sofort zur Stelle und wollen uns zu den besten Unterkünften ihrer Freunde bringen. Doch wir haben bereits einen Plan. Gepäck abgeben am Bahnhof und dann den Rest des Tages in den Lodhi Gardens entspannen. Guter Plan.

Im Park angekommen setzen wir uns auf eine Bank in die Sonne und können das erste Mal seit vielen Tagen entspannen. Puh. Fünf Minuten später befinden wir uns mitten im Gespräch mit einigen alten dandyartigen Herren der indischen Upper class. Sie bieten uns Chai und Gulab Jamun an und zeigen ein großes Interesse daran uns kennenzulernen. Nach einer Weile laden sie uns auf einen Tee in ihre Teerunde ein. Das wars dann mit der Entspannung. Aber wir freuen uns über die Einladung. Am Ende des Parkes sitzen wir an einer Plastikgarnitur vor einem Klohaus und plaudern mit den älteren Herren. Der eine unterrichtet Slumkinder in Sanskrit, dem anderen gehören hundert Klohäuser innerhalb Delhis und der letzte ist Assistant commissioner der Delhi Polizei und Autor von Kriminalromanen. Sie alle treffen sich regelmäßig im Lodhi Garten zu Yoga und Tee. Einer von ihnen, der commissioner, scheint uns mehr ins Herz geschlossen zu haben als alle anderen. Nach dem Tee bittet er uns ihm zu folgen. Er scheint unseren Aufenthalt in Delhi genau durchgeplant zu haben. Zunächst lädt er uns zu Frühstück ein, dann können wir im Park entspannen, mit ihm Mittagessen, mit seinem Fahrer die Stadt erkunden, bei ihm zu Hause entspannen usw. usf.. Wir wissen gar nicht, wie uns geschieht, eigentlich wollten wir doch nur im Park entspannen und jetzt sind wir mal wieder mitten in einem unvorhergesehenen Abenteuer gelandet. Nach dem Frühstück wählen wir dennoch die Option Entspannung im Park und vereinbaren einen Treffpunkt für später am Tage. Später am Tage treffen wir ihn wieder. Jetzt hat er sich herausgeputzt und uns zum Abschied allerlei Geschenke mitgebracht. Alles Dinge, die wir seines Erachtens im Laufe der weiteren Reise noch gebrauchen können. Ich fühle mich wie Tomb Raider auf einer ihrer Missionen ausgestattet mit allerlei nützlichen Dingen, die sie im Laufe ihres Abenteuers noch gebrauchen und kombinieren kann. Da wäre das Messer (zum schneiden von Obst), das Handtuch (für den Strandurlaub in Thailand), der Becher (zum Trinken der Vitamin C Tabletten), die Löffel (zum Essen im Zug), 200 Rupies in 10 Rupie Scheinen (für nervige Rikscha Fahrer), Trauben (zum bestechen von Rikscha Fahrern) usw.. Nachdem wir alles dankend abgelehnt haben und dann doch an uns nehmen mussten bringt uns sein Fahrer mit dem Auto zum Goethe Institut, wo ich einen Termin habe. Ja, in Indien haben alle, die es sich leisten können einen Fahrer, der sie überall hin kutschiert, kostet scheinbar auch nur 120€ im Monat. Im Goethe angekommen werde ich darüber informiert, dass ich ab September einen Platz als Stipendiat beim Projekt Schulwärts erhalte und für vier Monate in Südindien an einer Schule in Keralas unaussprechlicher Hauptstadt Thiruvananthapuram (kurz: Trivandrum) unterrichten werde. Yippey. Mit diesen tollen Neuigkeiten im Gepäck geht es auch schon Abends weiter mit dem Nachtzug nach Varanasi. Eine wirklich entspannte Nacht nach all den holprigen Busfahrten. Und spannend zugleich, denn hinter allen Vorhängen verbirgt sich ein kleines indisches Wohnzimmer und abundzu kann man einen Blick hinter den Vorhang erhaschen und bekommt Einblicke in das indische Familienleben. Hier isst man, Kinder werden gestillt und aus immerlärmenden Handys schallt mir unbekannte Musik.

Varanasi, die heilige Stadt am Ganges, wurde uns von vielen als eine der dreckigsten aber auch vielseitigsten Städte Indiens

beschrieben. Wir verbringen hier drei Tage, wobei wir die meiste Zeit nutzen, um uns von den Strapazen der letzten Wochen zu erholen. Vom Boot aus beobachten wir die Abendzeremonie am Ganges. Zwei Mal täglich findet sie hier statt und verehrt mit viel Glockenläuten und Räucherstäbchen den Ganges als Ursprung und Mutter aller Hindus. Während wir die Zeremonie beobachten treibt an mir im Wasser Etwas, das aussieht wie eine verkokelte Hand, vorbei. Beim zweiten Blick ist es jedoch bereits unter dem Rumpf des Bootes verschwunden. Wenig später macht unser Boot noch an einer der zwei zentralen Verbrennungsstellen am Ganges halt. Kein Wunder, dass der Ganges so verdreckt ist, wenn hier a) Abwässer der Fabriken eingeleitet werden und b) die verbrannten Überreste verstorbener Hindus beigesetzt oder versenkt werden. Wir beobachten das Verbrennungsritual für einige Zeit aus sicherer Entfernung und wundern uns über die Unterschiede zu klassischen Beisetzungen in Deutschland. Zum einen sind hier keine Frauen erlaubt, da diese dem Glauben nach zu nah am Wasser gebaut seien und bei der Zeremonie nicht geweint werden darf. Zum anderen werden hier simultan gleich sechs Körper von Verwandten und Freunden verbrannt, während diese plaudernd um das Feuer herum stehen und zuschauen. Die restliche Zeit verbringen wir damit, uns in Varanasi einen Überblick zu verschaffen und nicht im endlosen Straßenchaos der Altstadt verloren zu gehen.

Als wir nach drei Tagen am Bahnhof stehen schwören wir uns, nochmal zurückzukommen und Varanasi ein zweites Mal zu besichtigen, dann doch mit mehr Zeit. Am Bahngleis warten wir auf den Zug, der hier nur zwei Stunden Verspätung hat, was für indische Verhältnisse noch ein Klacks sein kann. Wir haben das Abteil 3A gebucht und sind uns noch nicht ganz sicher darüber, was uns wohl im Zug erwartet. Hühner? Klimaanlage? Etagenbetten? Das indische Klassensystem im Zug haben wir bis heute nicht verstanden, doch stellt sich A3 als durchaus bereisbar heraus. Am Bahnsteig zeige ich noch auf ein älteres sympathisch wirkendes Ehepaar und sage zu Feli, es wäre doch schön, wenn sich die beiden später in unserem Abteil wiederfinden würden. Und wie es kommen musste, treffen wir uns unserem Abteil genau auf dieses Ehepaar und beginnen sofort uns mit Ihnen über Gott und die Welt zu unterhalten. Surya und seine Frau Arpita befinden sich auf der Rückreise von Varanasi nach Kolkata. In Varanasi hatten sie ihre Tochter besucht, die dort ein Studium aufgenommen hat. Am nächsten Morgen lädt uns das liebenswerte Ehepaar ein, nach der Zugfahrt unsere letzten Tage in Indien, als ihre Gäste in Kolkata zu verbringen. Wir freuen uns erneut sehr über die Einladung und willigen ein. Sie wohnen in Howrah, der falschen Seite Kolkatas, ähnlich wie die Schäl Sick in Köln. Der Stadtteil und das Haus gefallen uns allerdings auf Anhieb sehr gut. Arpita kocht uns wunderbares bengalisches Essen und Surya hilft bei der Auswahl der Gewürze auf dem Markt. Am nächsten Tag, unserem letzten Tag in Indien, habe ich mir dann leider doch noch irgendwelche Darmbakterien eingefangen und schleppe mich mit Ach und Krach durch den Tag. Der liebe Surya hatte uns einen Fahrer organisiert, der uns die bedeutendsten Sehenswürdigkeiten Kolkatas zeigen sollte und so machten wir uns auf den Weg zum Victoria Memorial und der St. Pauls Cathedral. Im Nachhinein kann ich zumindest behaupten, dass ich jedes noch so kleine Klohaus Kolkatas auswendig kenne – wer kann das sonst schon? Wir haben nichtsdestotrotz unsere Zeit in Indien sehr genossen und den Aufenthalt bei Surya und Arpita als Höhepunkt empfunden. Wir freuen uns jetzt schon darauf, die beiden eines Tages nach Deutschland einzuladen und Indien schon bald wiederzusehen. Thiruvananthapuram, Indien wir sehen uns schon sehr bald wieder.

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